Der folgende Artikel wurde von mir im September 2008 verfasst. Er scheint, aufgrund aktueller innenpolitischer Geschehnisse – der Verschärfung des Fremdenrechtsgesetzes, offenbar auf Grund des offenkundig immer größer werdenden Einflusses rechtspopulistischen Gedankengutes – an Aktualität nichts eingebüßt zu haben. Auf Wunsch zahlreicher Leser/innen hier die Veröffentlichung einer gegenüber des Ersterscheinungsdatum leicht veränderten Fassung.
„Rechtspopulisten sind politische Abenteurer. Rechtspopulisten haben keine Konzepte gegen Probleme, aber durchaus Rezepte für politisches Unheil“ (1).
Rechtspopulismus als politisches Stilmittel und „Mittel zum Zweck“ findet seinen Nährboden dort, wo Menschen keine Perspektiven haben, bei Menschen, die sich vom Sozialstaat ausgegrenzt und benachteiligt fühlen.
Mit Rattenfängermethoden versuchen Proponenten so genannter „heimatverbundener Parteien“ soziale Ängste zu schüren, um auf diese Weise erfolgreich politisches Kapital zu schlagen. Beliebte Ziele ausländerfeindlicher Propaganda: Migranten/innen, Gastarbeiter/innen und Asylsuchende.
Ihre vorherrschende Strategie besteht auch darin, Menschen und Gruppen gegeneinander aus zu spielen: Anständige versus Unanständige, Arbeitende versus Arbeitslose, Staatsbürger/innen versus Gastarbeiter/innen und Migranten/innen, Inländer versus Ausländer, „die unten“ gegen „die oben“.
Rechtspopulismus entsteht im Grundkeim dann, wenn Menschen nicht mehr bereit sind, politische Prozesse aktiv mitzugestalten und dies anderen überlassen.
Einer der wesentlichen Faktoren für die Entwicklung von Rechtspopulismus liegt im schnellen Wandel wirtschaftlicher Prozesse. Neoliberaler Wirtschaftswahn führt zu Leistungsdruck, gesellschaftlichen Ängsten und der Suche nach „Schuldigen“ an der eigenen misslichen Lage – der ideale Nährboden für die genannte „Heimatpartei“ FPÖ. Politstrategisches Ziel ist es, gerade bei Menschen, die sich vom Sozialstaat benachteiligt fühlen, Gefühle wie Ausgegrenztheit, Benachteiligung, soziales Missempfinden zu schüren und die Grenze zwischen „Gerecht“ und „Ungerecht“ bewusst als politisches Strategiemittel einzusetzen. Die Grünen etwa orten „das Erstarken des österreichischen Rechtspopulismus als Schwäche der Proporzdemokratie“ (2).
Tatsächlich ist er aber das Produkt ausufernden neoliberalen Wirtschaftsdenkens, das den Menschen als „Humankapital“ missbraucht und die schleichende Aushöhlung und letztlich Zerstörung der für eine funktionierende Demokratie, egal ob repräsentativ oder direkt, notwendigen Komponente des sozialstaatlichen Prinzips bereits als Krebszelle in sich trägt.
Kennzeichen rechtspopulistischer Bewegungen sind scheinbar charismatische Führerpersönlichkeiten, Auftreten gegen das Establishment, das bewusste Inkaufnehmen von Tabubrüchen sowie eine stark auf Medienpräsenz ausgerichtete Politik (3).
In diesem Zusammenhang muss die Rolle der Medien einer durchaus berechtigten kritischen Beurteilung unterzogen werden. „Öffentliche Meinung“ wird heute ausschließlich über Medien transportiert, ja Medien bestimmen in zunehmendem Maße, was „öffentliche Meinung“ ist. Ein Faktum, auf das rechtspopulistische Bewegungen vermehrt zurück greifen und in ihrem Sinne zu nutzen wissen.
Die FPÖ versteht sich als „Vertreterin der Kleinen“, die von denen „oben“ nicht mehr ernst genommen werden und profitieren von einer allgemein zunehmenden Politikverdrossenheit. Sie greift Themen und Probleme auf, ohne aber wirklich Lösungen parat zu haben, oder wie es Werner A. Perger, Reporter der deutschen Wochenzeitschrift „Die Zeit“ analysiert:
„Manches, was man in letzter Zeit als Modell politischer Problemlösungen präsentiert kriegt, wirkt allerdings nicht wie das Ergebnis eines gründlichen Denkprozesses sondern eher wie das Produkt orientierungsloser Verzweiflung: Ein Populismus des starken Mannes scheint modern zu werden, hinter dem sich in Wahrheit nichts anderes verbirgt als eine Ansammlung bekannter vordemokratische Stereotypen, die man aus der jüngeren Zeitgeschichte kennt. Autoritäre Entscheidungsmuster, aktionistischer Führungsstil, an Meinungsumfragen orientierter Symbolismus, dieser berauschende Modecocktail vom Anfang des 21.Jahrhunderts, gebraut nach Rezepten aus der Anfangsphase der europäischen „Bewegungen“ des frühen 20. Jahrhunderts, soll den unzufriedenen „Massen“ wieder einmal eine besondere Virilität und Vitalität ihrer Führer vorgaukeln“ (4).
Selbst ernannte „charismatische“ Führer wie HC Strache oder einst Jörg Haider haben vieles gemeinsam: Sie glänzen durch markige Sprüche, deren Wahrheitsgehalt meist keiner gewissenhaften Prüfung stand hält. Sie definieren ihre Politik als „repräsentative Stimme des Volkes“.
Sie schüren Vorurteile und Intoleranz, verbreiten ausländerfeindliche Ressentiments und präsentieren sich als „Robin Hoods der Unterdrückten“.
Sie machen sich aus rein wahltaktischen Überlegungen die Ängste und Sorgen der am Rande der Wohlstandsgemeinschaft Lebenden zu eigen und propagieren „Lösungen“, die allein auf dem „Rächer der Gerächten“-Prinzip basieren und jegliche realistische Umsetzung vermissen lassen. Ein Blick in die Geschichte der bisherigen Regierungsbeteiligung von FPÖ/BZÖ belegt diese Tatsache.
Wie die Wählerstromanalyse zur Nationalratswahl 2006 belegt, wechselten allein 140.000 Wähler/innen von der SPÖ zur FPÖ (5).
Bedenklich stimmt, dass davon immerhin 19% der Arbeiter und 20% der Facharbeiter ihren durch die neoliberale Politik determinierten Frust mit einer Stimme für Strache & Co Ausdruck verliehen haben. Der Grund dafür liegt nicht nur im Versagen der SPÖ, konsequente Arbeiternehmer/innen- sowie Sozialpolitik im Interesse der Bevölkerung umzusetzen, sondern auch in der Tatsache, dass neoliberale Sozial- und Wirtschaftspolitik generell keine Antworten und Lösungen für die zunehmenden Probleme vor allem von Menschen unterer Einkommensschichten anzubieten im Stande sind.
Dieses Wählerpotential erweist sich erwiesenermaßen enorm anfällig für „Lösungsvorschläge“ rechtspopulistischer Parteien, „Lösungsvorschläge“, die in Wahrheit nichts als leere Worthülsen sind und nicht die wirklichen Beweggründe widerspiegeln, um denen es der FPÖ tatsächlich geht, nämlich selbst an den Hebeln der Macht zu sitzen und ihre nationalen und ausländerfeindlichen Hirngespinste umzusetzen und damit gesellschaftsfähig zu machen.
Vertritt nun die FPÖ wirklich die Interessen von Arbeitnehmer/innen? Ist sie die neuen Arbeiterpartei der Gegenwart?
Den Freiheitlichen ist das Thema “Arbeit” nicht einmal ein eigenes Kapitel wert. „Der Stellenwert der Facharbeiterausbildung ist zu heben“, „Der Arbeitsplatz Bauernhof gewinnt angesichts der angespannten Arbeitsmarktsituation als Vollerwerbsbetrieb eine weitere Bedeutung“, „Die Attraktivität des Bauernhofes als Arbeitsplatz sollte auch durch die Erleichterung der Direktvermarktung von landwirtschaftlichen Erzeugnissen gesteigert werden“, „Eine der Vorteile der Ökosteuer: Die Verbilligung der menschlichen Arbeitskraft bringt eine Entlastung für den Arbeitsmarkt“, „Der Faktor Arbeit muss billiger und der Faktor Umwelt muss teurer werden“, „Die Qualität der Facharbeiterausbildung ist zu heben“ und „uneingeschränkte Zuwanderung führt zu gravierenden Verzerrungen des Arbeitsmarktes und zu massiven Lohndruck. Hohe Arbeitslosenzahlen gestatten daher keine Zuwanderung von Arbeitskräften mit nicht nachgefragten Qualifikationen. Österreich ist kein Einwanderungsland“ sind auch schon die programmatischen Highlights des blauen Grundsatzpamphlets (6).
Ein wesentlicher Bestandteil der freiheitlichen Politik ist die Forderung nach einen Zuwanderungsstopp und die Feststellung, Österreich sei kein Einwanderungsland. In Wirklichkeit politische Schlagworte, die nur eines zum Ziel haben: die Teilung der Arbeitnehmer/innen in in- und ausländisch, die einen willkommen weil arbeitsfreudig, die anderen nicht willkommen weil angeblich arbeitsscheu, das Schüren zutiefst abzulehnender Ressentiments, letztlich die Entzweiung der Arbeiter/innenklasse.
Zuwanderung ist in Österreich ein übel beleumundeter Begriff mit einer langen Geschichte (7). Die Geschichte von Migranten/innen hat in Österreich eine lange Tradition. In Zeiten der Monarchie war Wien ein Schmelztiegel verschiedenster Nationalitäten aus allen Teilen des Reiches. In diesem Zusammenhang sei nur an die Ziegelarbeiter am Wienerberg erinnert, die unter widrigsten und unmenschlichsten Bedingungen als „Humankapital“ ihren Lebensunterhalt fristen mussten.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kam es zu einer massiven Einwanderungswelle so genannter „Volksdeutscher“, 1956 nach den Ereignissen in unseren östlichen Nachbarland von Ungarn, nach dem Scheitern des „Prager Frühlings“ 1968 von ungefähr 160.000 Menschen aus der Tschechoslowakei, in den Jahren 1981/82 nach Verhängung des Kriegsrechts von mehr als 120.000 Polen.
Bereits in den Sechziger-Jahren wurden aus wirtschaftspolitischen Gründen Überlegungen angestellt, so genannte „Gastarbeiter“ ins Land zu holen. Diese mündeten im Dezember 1961 im Olah-Raab-Abkommen, in dem sich die Gewerkschaften bereit erklärten, der Anwerbung von 47.000 Fremdarbeitern im Jahre 1962 zuzustimmen (8), eine Tendenz, die auch während der Zeiten der Wirtschaftsrezension Mitte der Siebziger-Jahre unter dem damaligen Bundeskanzler Kreisky anhielt. Von 1961 bis 1974 waren ca. 265.000 Menschen verschiedenster Nationalitäten als Gastarbeiter in Österreich tätig. (9)
Integration war damals noch kein Thema. Erst der Wandel von in ihrer Tätigkeit zeitlich begrenzten ausländischen Arbeitskräften zu in unserem Land ständig lebenden Menschen, verstärkt durch den Zuzug von Familienangehörigen, stellte die politischen Verantwortungsträger vor die Aufgabe, sich bewusst den neuen Begebenheiten anzunehmen.
Migrant ist nicht gleich Gastarbeiter. Die Vermischung dieser beiden Begriffe sind, geschürt von rechtspopulistischen Parteien, in der Bevölkerung oft anzutreffen.
Die Vorarlberger Integrationsexpertin Eva Grabherr in einem Interview mit Radio Vorarlberg: „Wichtig ist es zu akzeptieren, dass es sich bei den hier lebenden Menschen nicht um Gastarbeiter handelt, sondern dass die meisten dieser Menschen hier bleiben werden. Im Vergleich zu früheren Einwanderungswellen gibt es heute einen gravierenden Unterschied: Unsere Gesellschaft ist offener geworden, deshalb ist es nicht mehr möglich, von Einwanderern zu fordern, dass sie ihre Religion oder die Bindung an ihr Herkunftsland aufgeben“. (10)
Faktum ist, dass Gastarbeiter, die in einem mindestens sechsmonatigen Arbeitsverhältnis stehen, in ihrer Steuerpflicht wie Inländer behandelt werden. Sie zahlen Lohnsteuer und Sozialversicherungsbeiträge und haben daher auch nach geltenden österreichischem Recht Anspruch auf Leistungen der Sozialversicherung wie Krankenversicherung, Arbeitslosengeld und Altersversorgung.
Selbst der jetzige Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner stellte 2005 in seiner damaligen Funktion als Generalsekretär der Wirtschfatskammer fest, dass Österreich ein Zuwanderungsland zu sein hat. Europaweit gibt es zur Zeit etwa 3 Millionen offener Arbeitsstellen und jeder dritte Betrieb hat Probleme, Facharbeitskräfte zu finden. Das strategische Problem besteht in der Tatsache, dass Österreich eine „defensive Ausländerpolitik“ betreibt. Mitterlehner weiter: „Vielmehr müssen wir uns darum kümmern, wie wir zu einer offensiven Ausländerpolitik kommen. Erst wenn das Problem der Migration gelöst ist, werde die Bevölkerung verstehen, wieso Österreich Zuwanderung brauche“ (11).
Umfragen bescheinigen etwa der FPÖ einen steten Stimmenzuwachs. Die Freiheitlichen scheinen auf dem besten Wege zu sein, auch bei künftigen Wahlen eine ernsthafter Konkurrent für SPÖ und ÖVP zu werden. Diese versuchen zu retten was zu retten ist und etablieren sich immer mehr – etwa in der Asylantenfrage – als rechtspopulistische Trittbrettfahrer und haben ihre Kompetenz als Vertreter der arbeitenden Bevölkerung längst am Altar neoliberaler Götzen geopfert.
Rechtspopulistische Politik spielt sich nur vordergründig an Bierstammtischen statt. Im Hintergrund agieren ihre Führer als Regisseure, ihre treuen Parteivasallen als Schauspieler und die Wähler/innen als begeistertes, leicht manipulierbares Publikum.
Rechtspopulistische Politik ist eine perfekt inszenierte daily soap: Wichtig sind gut aussehende Schauspieler/innen, über deren künstlerische Qualitäten man durchaus geteilter Meinung sein darf, der Inhalt ist zweitrangig, primär geht es um die Zuseherquoten.
Gesellschaftskritische Reformbewegungen sind mehr denn je vor die Aufgabe gestellt, Wähler/innen zu überzeugen, dass es sich längerfristig lohnt, ihre Stimmen in Qualitäts- und nicht seichten Unterhaltungsprogrammen zu investieren.
Wer für einen gesellschaftlich dringend notwendigen Wandel, wer für eine auf die sozialen Ängste und Probleme eingehende Politik, wer für Frauenanliegen und konsequente Minderheitenpolitik, wer für mehr Menschlichkeit in der Politik, wer für sozialen Frieden und soziale Gerechtigkeit ist, kann – nein darf – rechtspopulistische Parteien nicht unterstützen.
Quellen:
(1) Pfaller, Alfred, Rechtspopulismus in Europa: wovon nährt sich die Politik der Ressentiments? Digitale Bibliothek Friedrich Ebert Stiftung.
(2) Grundsatzprogramm Die Grünen 2001.
(3) Holdmann Eberhard/Krappidel Adrienne/Rehse Sebastian, Die Droge Populismus. Zur Kritik des politischen Vorurteils, Wiesbaden 2006.
(4) Perger Werner A., Haiders Schatten auf Europa, Die Zeit 26/2002.
(5) Neuwirth Erich, Wählerstromanalyse Nationalratswahl 2006.
(6) Parteiprogramm FPÖ Stand 2008 (www.fpoe.at)
(7) Lohmeyer Michael, Die Zeit, 19.12.2007.
(8) Arbeiterkammer Wien (Hgb.), Wirtschaftspolitisches Handbuch1961.
(9) Biffl Gudrun, SPOEMI Report on Labour Migration. Austria 1994/95.
(10) Grabher Eva, Interview ORF Vorarlberg.
(11) APA-OTS, 6.11.2007